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Stand: 15.06.2016

Pressemitteilung

„Christen müssen parteiisch sein“

Ludwigshafener Forum_1Dekan Alban Meißner (von links), Caritas-Mitarbeiterin Claudia Möller-Mahnke, der Caritasvorsitzende Karl-Ludwig Hundemer und die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck tauschten sich mit mehr als 40 Gästen aus. Brigitte Deiters / Caritasverband Speyer

Anwaltschaft ist eine der vier leitenden Perspektiven im Pastoralplan einer Pfarrei. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff und wie kann eine Pfarrei Anwaltschaft in die Wirklichkeit übersetzen? Das waren grundlegende Fragen beim zweiten Ludwigshafener Forum für Engagierte in der Kirche am vergangenen Samstag im Heinrich Pesch Haus.

Dekan Alban Meißner war stolz darauf, die zweite Veranstaltung dieser Art im Stadtdekanat durchführen zu können: "Angesichts veränderter Strukturen ist es wichtig, dass wir voneinander wissen." Ziel des Tages sei, Inputs und Anregungen zu bekommen, aber auch gemeinsam zu entdecken, was in der Stadt Ludwigshafen fehlen würde, "wenn es uns nicht gäbe."

"Von einem Anwalt erwarte ich, dass er nicht objektiv ist, sondern ganz parteiisch für mich auftritt. Er soll das Bestmögliche für mich herausschlagen." Mit diesem Vergleich aus der Rechtsprechung machte Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer deutlich, was Christen unter Anwaltschaft verstehen sollten. Der Vorsitzende des Caritasverbands für die Diözese Speyer stellte klar: "Als Christen ist es nicht unsere Aufgabe, ausgewogen zu sein und einen fairen Ausgleich zu suchen. Jesus war ganz klar parteiisch, er hatte eine klare Option für Arme, Kranke, Ausgestoßene und Sünder. Und als Christen stehen wir in seiner Nachfolge!"

Neben Ludwigshafens Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck war er Hauptreferent des Tages für mehr als 40 Teilnehmende. Er gab auch praktische Hinweise, wie Eintreten für alle Menschen in den neuen pastoralen Strukturen und angesichts weniger werdender Engagierter gelingen kann: Die Hilfe an den Menschen ausrichten, denn sie bestimmen selbst, was sie brauchen. Schauen, welche Ressourcen diese Menschen selbst einbringen. Und schließlich sich vernetzen mit denjenigen, die sich ebenfalls anwaltschaftlich einsetzen.

Jutta Steinruck berichtete davon, für welche Gruppen sie sich in der Stadt besonders engagieren möchte. Sie betonte aber zugleich, dass sie nicht einseitig parteiisch sein könne, sondern immer verschiedene Interessen abwägen müsse. Dennoch richte sie ihren Blick verstärkt auf in Armut geborene Kinder, "denn das ist ein Fehlstart ins Leben, für den es einen Ausgleich geben muss". Menschen, die bewusst oder unverschuldet in die Obdachlosigkeit geraten sind, alte Menschen - vor allem die, die von Altersarmut betroffen sind, sowie Flüchtlinge will sie ebenfalls verstärkt unterstützen. Besonders das Eintreten für Geflüchtete und Fremde sei schwierig in der heutigen Zeit, räumte sie ein, aber: "Wir sind sehr wohl in der Lage, diesen Menschen unsere Hilfe zu gewähren."

Sich klar positionieren!

Die Teilnehmenden waren nach den Eingangsstatements gefragt, welche Kernbotschaften bei ihnen angekommen seien. Einige stellten die Frage, wer "Anwalt für die Anwälte" sei; denn häufig machen sie sich mit ihrem parteiischen Eintreten auch angreifbar. Domkapitular Hundemer verwies auf die "Anwaltskammern", Einrichtungen der katholischen Kirche, wie Caritas-Zentren und -verband oder das Seelsorgeamt im Bistum Speyer, wo man sich Rat und auch Rückendeckung holen könne.

Wie kann praktiziertes Christentum das Stadtbild von Ludwigshafen prägen?, lautete eine weitere Frage. Jutta Steinruck lobte zunächst: "Christen bringen sich zum Glück schon ein!", sagte sie.  Es gebe viele Möglichkeiten und Gelegenheiten, die Stimme zu erheben und sich klar zu positionieren. Sie regte an, viele weitere aus den Pfarrgemeinden an die Hand zu nehmen, "denn es werden immer weniger, die sich in der Stadtgemeinschaft einbringen." Auch der Caritasvorsitzende animierte dazu, sich einzumischen und erinnerte an das Caritas-Motto: "Not sehen und handeln."

Viele Ludwigshafener Themen wurden konkret angesprochen: Wie kann es sein, dass eine Einrichtung wie der "Lichtpunkt" geschlossen wird? Warum wird das Caritas-Projekt für wohnsitzlose Frauen vielleicht eingestellt? Gut, dass es Einrichtungen wie die Caritas-Förderzentren St. Johannes und St. Martin gibt! Das Caritas-Zentrum stellte seine Dienste vor und gab damit einen guten Überblick darüber, wo Menschen in der Stadt Anwälte brauchen - im Haupt- und im Ehrenamt.

Eine Brücke zwischen Caritas und Pfarrei

Das war auch der letzte Aspekt an diesem Tag, der thematisiert wurde: Wie gelingt es, dass Caritasarbeit und Pfarreiarbeit Hand in Hand gehen? Claudia Möller-Mahnke ist Mitarbeiterin im Caritas-Zentrum und zuständig für die Caritasarbeit in den Pfarreien. Sie will eine Brücke sein zwischen beiden und bietet Informationsveranstaltungen an, aber auch Austausch- und Vernetzungstreffen, Ausbildung sowie Unterstützung bei der Sozialraumanalyse. Denn die ist grundlegend für die Entwicklung eines pastoralen Konzepts für die Pfarreien.

Viele Ehrenamtliche berichteten von Grenzen: Was ist, wenn ich Anwalt sein will, die Menschen die Kirche aber nicht als Anwalt akzeptieren? Da riet Dekan Meißner unter anderem zu einem Wechsel der Perspektive auf Jesus, der fragte: "Was willst du, dass ich dir tue?" Und Diakon Hubert Münchmeyer sagte voraus: "Wenn wir Anwaltschaft und pastorales Konzept für die Menschen auf unseren Pfarreigebieten ernst nehmen, dann stellt das alles Bisherige auf den Kopf!"

Text und Foto: Brigitte Deiters für den Caritasverband für die Diözese Speyer

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